Von:
Ulrich Krämer
Grandios, irritierend, beglückend, befremdlich, welches Adjektiv würden Sie den Olympischen Sommerspielen 2008 in Peking geben? Der Präsident des Internationalen Olympischen Komitees (IOC), Jaques Rogge, sprach während der Abschlussfeier von außergewöhnlichen Spielen. Außergewöhnlich sagt als Adjektiv nicht viel aus. Das wollte Herr Rogge vielleicht auch nicht. Er blieb sich und seiner diplomatischen Blässe treu. Schade, wenn einer während dieser Spiele Chancen vertan hat, dann war das Jaques Rogge.
Wir möchten uns vermutlich freier äußern wollen als er. Aber wie sollen wir denn im Ernst diese Olympischen Spiele bewerten?
Mich zumindest lassen sie irgendwie ratlos zurück. Sie waren einerseits perfekt organisiert wie noch nie, aber genau das ist auch ein Ausdruck des Totalitarismus. Die Bewohner von Beijing waren überaus freundlich und freuten sich aufrichtig über die ausländischen Gäste, aber in den Stadien und bei den siegreichen chinesischen Athletinnen und Athleten fehlte oft die Emotionalität. In Beijing schien in den letzten Tagen öfter einmal die Sonne, aber vermutlich das letzte Mal auf Jahre, weil nach Olympia die vorübergehend stillgelegten Fabriken wieder die Luft verschmutzen werden.
Man könnte die Aufzählung der widersprüchlichen Beobachtungen noch länger fortführen. China ist nicht klar und nicht eindeutig auf einem Weg. Es ist voller gegensätzlicher Trends.
Ich möchte dazu noch einmal das Motto der inzwischen rund 250.000-mal verteilten Armbänder unserer evangelischen Kirche in Erinnerung rufen: „… dass Gerechtigkeit und Friede sich küssen“. Nur so lassen sich diese Widersprüche zum Guten auflösen und die Probleme dieses gigantischen Landes lösen, Gerechtigkeit und Frieden müssen zu den Kriterien für die Zukunft werden. Dazu gehören Freiheit und Menschenrechte, Religionsfreiheit und eine freie Presse, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie. Es gibt keine Zukunft mit wirtschaftlichen und sportlichen Erfolgen. Nur freie Menschen werden auf Dauer dieses Land tragen wollen.
Das ist eine Wahrheit, die wir im christlichen Abendland erst nach Jahrhunderten verinnerlicht haben, obwohl sie in der christlichen Botschaft so klar zum Ausdruck kommt. Mir wird ein wenig bange, wenn ich mir diesen Erfahrungszeitraum und die vielen damit einhergehenden Turbolenzen auch für China vorstelle. Aber das steht auch in der Bibel: Angst ist nicht in der Liebe. So gesehen blicke ich erwartungsvoll in die chinesische Zukunft.